Serie ‘Aktive im Ehrenamt’ — Tanja Diem engagiert sich im Helferkreis Sandhausen

 

Enga­ge­ment in unse­rer Gemein­de ist viel­fäl­tig.

Als Alter­na­ti­ve Lis­te haben wir uns für das Jahr 2020 vor­ge­nom­men, in loser Fol­ge und bei­spiel­haft für die Vie­len, die sich frei­wil­lig und selbst­los enga­gie­ren, eini­ge Akti­ve ein­mal per­sön­lich vor­zu­stel­len.

Wäh­rend von offi­zi­el­ler Sei­te über die Inte­gra­ti­on von Geflüch­te­ten in Sand­hau­sen bis­her wenig zu hören ist, leis­ten vie­le Helfer*innen wert­vol­le Arbeit. Eine von ihnen ist Tan­ja Diem, die sich seit 16 Jah­ren im Kir­chen­ge­mein­de­rat der evan­ge­li­schen Kir­che enga­giert. Im Gespräch mit der AL Sand­hau­sen berich­tet sie über ihre Erfah­run­gen vor Ort in der Flücht­lings­hil­fe.

Frau Diem, wie haben Sie reagiert als im Okto­ber 2014 die ers­ten Flücht­lin­ge nach Sand­hau­sen kamen?

Tan­ja Diem: Mit vier ande­ren Sand­häu­ser Bür­ge­rin­nen habe ich die ers­ten Asyl­su­chen­den, Frau­en und Kin­der aus Gam­bia und Nige­ria, nach ihrer Ankunft besucht. Schnell wur­de klar, dass sie Unter­stüt­zung brau­chen und so ent­stand die Idee, sich zusam­men­zu­schlie­ßen.

Dar­aus wur­de der „Hel­fer­kreis Sand­hau­sen“?

Tan­ja Diem: Ja, zunächst sind wir zu den Leu­ten in die Unter­künf­te gegan­gen und haben ihnen Paten­schaf­ten ange­bo­ten. Vie­le ken­nen ihre Rech­te nicht oder haben Pro­ble­me mit den Behör­den oder mit der Büro­kra­tie. Als es mehr wur­den und wir die­se Eins-zu-Eins-Betreu­ung nicht mehr leis­ten konn­ten, haben wir im Wichern­haus ein Begeg­nungs­ca­fé ein­ge­rich­tet. Im Sin­ne der Hil­fe zur Selbst­hil­fe ist es gut, wenn die Men­schen aktiv wer­den und auf uns zukom­men. So haben wir auch die Räu­me des Cafés gemein­sam mit unse­ren Schütz­lin­gen reno­viert. Ins­ge­samt enga­gie­ren sich 40 Ehren­amt­li­che. Der har­te Kern sind 20 bis 25, dar­un­ter sie­ben Deutsch­leh­re­rin­nen. Unser Team möch­te ehren­amt­lich über Reli­gio­nen und Kul­tu­ren hin­weg Men­schen, die in ver­schie­de­nen Lebens­si­tua­tio­nen Hil­fe benö­ti­gen, unter­stüt­zen.

Wie kann der Hel­fer­kreis zur Inte­gra­ti­on bei­tra­gen?

Tan­ja Diem: Wir bie­ten Alpha­be­ti­sie­rung und gestaf­fel­te Deutsch­kur­se für die ver­schie­de­nen Anfor­de­run­gen an, je nach­dem ob jemand einen Job sucht, eine Aus­bil­dung machen oder stu­die­ren will. Es gibt ein Spie­le­zim­mer, so dass auch Müt­ter mit klei­nen Kin­dern an den Kur­sen teil­neh­men kön­nen. Ein­mal pro Woche bekom­men Kin­der aus sozi­al schwa­chen Ver­hält­nis­sen, ob mit oder ohne Migra­ti­ons­hin­ter­grund, ein frisch zube­rei­te­tes Mit­tag­essen und danach Unter­stüt­zung bei ihren Haus­auf­ga­ben, beim Lesen oder was sonst noch ansteht. Hier arbei­ten wir Ehren­amt­li­chen eng mit der Theo­dor-Heuss-Grund­schu­le zusam­men. Und das Essen wird von der Wichern­stif­tung der evang. Kir­chen­ge­mein­de gespon­sert.

Außer­dem haben wir ein Bene­fiz­kon­zert mit Betei­li­gung fast alle Sand­häu­ser Chö­re orga­ni­siert, bei dem unse­re Flücht­lin­ge gekocht und wir inter­na­tio­na­les Fin­ger­food ange­bo­ten haben. Ver­an­stal­tet haben wir auch eine Fahrt per S‑Bahn mit 70 Leu­ten zum Lui­sen­park. Man­che hat­ten zum ers­ten Mal in ihrem Leben über­haupt einen Aus­flug gemacht.

Wel­che Erfah­run­gen machen Sie bei Ihrem Enga­ge­ment?

Tan­ja Diem: Ein Frem­der ist nur ein Mensch, den man noch nicht kennt. Es ist sehr span­nend, Men­schen unter­schied­li­cher Her­kunft und Nati­on ken­nen zu ler­nen und man bekommt bei all der Arbeit so viel zurück. Es gibt so vie­le, die hilfs­be­reit sind und sich inte­grie­ren wol­len und es ist wun­der­voll zu erle­ben, wie Frem­de zu Freun­den wer­den. Wir sind ein tol­les Team und ergän­zen uns schon fast blind. Unser Ehren­amt ist oft auch stres­sig und wir erfah­ren Din­ge über die Flucht der Men­schen, die einen belas­ten kön­nen. Schon allei­ne des­we­gen ist es wich­tig, dass man zusam­men­hält und sich ergänzt.

Wie ent­wi­ckelt sich die Inte­gra­ti­on vor Ort?

Tan­ja Diem: Vie­le der Geflüch­te­ten sind inzwi­schen in Arbeit — bei Man­chen hat es fünf Jah­re gedau­ert. Wenn es Pro­ble­me gibt, bestehen sie vor allem auf büro­kra­ti­scher Sei­te, nicht auf der mensch­li­chen. Ein Mann aus Bos­ni­en muss­te jedes Vier­tel Jahr sei­ne Arbeits­er­laub­nis ver­län­gern las­sen, da waren wir froh, dass er einen ver­ständ­nis­vol­len Chef hat­te, der das mit­ge­macht hat. Jetzt ist der Sta­tus klar, er hat eine Arbeits­er­laub­nis und arbei­tet Voll­zeit. Das Gan­ze hat aber zwei Jah­re gedau­ert bis wir hier die Büro­kra­tie über­wun­den hat­ten. Ein ande­rer hat­te Aus­sicht auf eine Aus­bil­dung als Kran­ken­pfle­ger, schei­ter­te aber beim Sprach­test am Hör­ver­ständ­nis. Nicht weil er nicht genug gelernt hat­te, son­dern weil er mit bay­ri­schem Dia­lekt kon­fron­tiert wur­de. Der Aus­bil­dungs­platz war dann futsch.

Gibt es wei­te­re Hür­den?

Tan­ja Diem: Wir beob­ach­ten, dass es immer schwie­ri­ger wird für die die kom­men. See­hofers so genann­tes ‚Gere­gel­te-Rück­kehr-Gesetz‘ ist eigent­lich ein ‚Hau-ab-Gesetz‘. Sechs Mona­te rei­chen nicht aus, um die deut­sche Spra­che zu ler­nen und einen fes­ten Job zu bekom­men. Beson­ders schwie­rig ist es für die Men­schen oft, eine Woh­nung zu fin­den. Die Gemein­de hat — Gott sei Dank — Sozi­al­woh­nun­gen gebaut, das ers­te Mal nach 20 Jah­ren. Ein Drit­tel der Woh­nun­gen ist mit Geflüch­te­ten belegt, zwei Drit­tel mit ande­ren Men­schen, die auf Grund ihrer Lebens­si­tua­ti­on bezahl­ba­ren Wohn­raum benö­ti­gen. Ich fin­de das sehr wich­tig, denn pas­sen­der Wohn­raum, der den Richt­li­ni­en des Job­cen­ters ent­spricht, ist in Sand­hau­sen und Umge­bung schwer zu bekom­men.

Füh­len Sie sich aus­rei­chend unter­stützt?

Tan­ja Diem: Wir arbei­ten gut mit der Inte­gra­ti­ons­be­auf­trag­ten des Krei­ses zusam­men, aber auch der Inte­gra­ti­ons­ma­na­ger, das Sozi­al­amt sowie das Ord­nungs­amt der Gemein­de haben immer ein offe­nes Ohr für unse­re Anlie­gen. Viel Unter­stüt­zung erfah­ren wir durch die evan­ge­li­sche Kir­chen­ge­mein­de, nament­lich durch Pfar­rer Bern­hard Wie­landt und Pfar­re­rin Hen­ri­et­te Frei­d­hof. Sie haben Work­shops ver­an­stal­tet und uns nach belas­ten­den Erleb­nis­sen auch schon auf­ge­fan­gen, etwa als eine Fami­lie aus Alba­ni­en mit vier Kin­dern nachts abge­holt wur­de. Der Kir­chen­ge­mein­de­rat ist sehr inter­es­siert und es gibt immer einen Tages­ord­nungs­punkt ‘Hel­fer­kreis’. Auch die Dia­ko­nie unter­stützt uns — von Fort­bil­dung bis offe­ner Aus­tausch, da ist alles dabei. Frau Tautz und Frau Bria­mon­te-Gei­ser­sie sind unse­re direk­ten Ansprech­part­ner wenn wir bei Geset­zes­fra­gen nicht wei­ter­kom­men. Die Lan­des­re­gie­rung hat­te uns für den baden-würt­tem­ber­gi­schen Inte­gra­ti­ons­preis vor­ge­schla­gen und bei dem Pro­gramm der DFL-Stif­tung „Wir machen mit gegen Ras­sis­mus“ gab es Aktio­nen mit dem SV Sand­hau­sen.

Dank­bar sind wir aber auch den vie­len Sand­häu­sern, die uns mit Sach‑, Möbel‑, und ab und zu auch mit Geld­spen­den unter­stüt­zen. Es ist groß­ar­tig, wie Vie­le mit den Schick­sa­len der Men­schen mit­füh­len.

Aktu­ell könn­ten wir wie­der mehr Hel­fer gebrau­chen, vor allem für Haus­auf­ga­ben­hil­fe und Deutsch­kur­se, aber auch punk­tu­ell bei ein­zel­nen Aktio­nen oder im Café. Denn die ehren­amt­li­chen Mit­ar­bei­ter sind mit der Zeit weni­ger gewor­den, so dass die meis­te Arbeit am ‘har­ten Kern’ hängt.

Muss man evan­ge­lisch sein, um mit­ma­chen zu kön­nen?

Tan­ja Diem: Für uns spielt kei­ne Rol­le, ob jemand evan­ge­lisch, katho­lisch oder Mus­lim ist. So hat ein 29-jäh­ri­ger Mus­lim die B2 Sprach­prü­fung geschafft und möch­te nun eine Aus­bil­dung zum Kran­ken­pfle­ger machen, ein 28-jäh­ri­ger Alten­pfle­ge­hel­fer will sich zum Alten­pfle­ger wei­ter­bil­den las­sen. Bei­de enga­gie­ren sich ehren­amt­lich im Hel­fer­kreis, beglei­ten Men­schen bei Behör­den­gän­gen und dol­met­schen. Wir hat­ten einen Got­tes­dienst gestal­tet, da war die hal­be Kir­che mit Mus­li­men voll. Und als der Niko­laus kam, waren alle Kin­der begeis­tert.

Herz­li­chen Dank für das Gespräch!

 

Info: Der Hel­fer­kreis ist Diens­tags von 17.00 Uhr bis 20.00 Uhr im Begeg­nungs­ca­fe im Wichern­haus (Joh.-Nik.-Kolb-Str. 12) zu errei­chen oder per Mail unter kontakt@helferkreis-sandhausen.de

heb

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